Unsere krisengebeutelte Gegenwart treibt die Menschen regelmäßig auf die Straße, ob getrieben von einer leidenschaftlichen Unzufriedenheit über die Klimakrise und die fehlenden politischen Maßnahmen, ob getrieben von der Angst vor einem zerstörerischen Krieg und von der Fassungslosigkeit über die täglichen Gewalttaten, ob am feministischen Kampftag, am Tag der Arbeit oder in den Tagen vor der Bundestagswahl. Ähnliches ereignete sich am 25. August 1830, als bei einer Brüsseler Aufführung der Oper „La Muette de Portici“ das brodelnde Fass zum Überlaufen gebracht wurde und die Menschen auf die Barrikaden trieb. Beim berühmten Revolutionsduett der Oper griff das Publikum selbst zu den Waffen und rannte auf die Straße, um dort die Belgische Revolution anzuzetteln.
Der Plot beruht auf einer historischen Begebenheit im Neapel des Jahres 1647. Unter der spanischen Besatzung herrschte eine strenge Steuerpolitik, die zu wirtschaftlichen Spannungen führte. 1647 entbrannte ein Aufstand, angeführt vom Fischer Masaniello, der sich weigerte, die neueingeführte Obststeuer zu akzeptieren. Diese realpolitische Rebellion wurde für Komponist Auber und seinen Librettisten Scribe zur Vorlage für ihre erste große Oper, die mit ihren fünf Akten voll heftiger Aktion, großangelegten Massenszenen, aufwendigen Bühnenverwandlungen und der kontrastreichen Komposition zwischen großen Chören und intimen Momenten die Monumentalgattung der Grand opéra mitbegründete. Ergänzt wird der historische Plot um Fenella, Masaniellos stumme Schwester, und ihre Liebesgeschichte zu Alphonse, Sohn des spanischen Vizekönigs. Da eine Beziehung zwischen den beiden nicht standesgemäß wäre, lässt der Vizekönig Fenella ohne Alphonses Wissen in Gewahrsam nehmen. Fenella schafft es, sich aus der spanischen Gefangenschaft zu befreien und erzählt ihrem Bruder und den anderen Fischern von ihrem Verführer und dessen spanischer Herkunft. Daraufhin schwören Masaniello und Pietro, Rache zu nehmen und die verhasste spanische Besatzung zu stürzen. Ab diesem Moment entspinnt sich ein schier filmreifer Plot, denn die Revolution greift auf die gesamte Stadt über und findet bald zahlreiche Opfer. Eine Oper mit Blockbuster-Qualitäten!
Nie hatte ein Opernwerk zuvor solche realpolitischen Auswirkungen wie „La Muette de Portici“, das als Katalysator die Belgische Revolution auslöste, welche wiederum zur Unabhängigkeit Belgiens führte. Anknüpfend an diese realpolitische Wirkmacht des Stückes fragt Regisseur Paul-Georg Dittrich, ob eine Revolution auch heute noch möglich wäre. Teil der Inszenierung sind deshalb auch Darmstädter Bürger*innen, die dazu befragt wurden, wofür sie auf die Straße gehen würden. Die individuellen Anliegen der Darmstädter Bürger*innen sind ein Abbild unserer heutigen Gesellschaft. Verkörpert durch die Bürger*innen finden die vielstimmigen Themen im vierten und fünften Akt ihren Weg auf die große Opernbühne. Die Inszenierung wird so zum eindringlichen Plädoyer für die Demokratie und fragt: Welche Anliegen finden nachhaltig Gehör? Und: Wie könnte eine Revolution heute aussehen?
Wenn Sie Teil der Aufführung werden möchten, buchen Sie jetzt ein Mitmachticket für „Die Stumme von Portici“! Und keine Sorge: Sie müssen nicht in Ihrer Kostümkiste kramen, Text auswendig lernen oder Ihre Stimme ölen.
Die Stumme von Portici (La Muette de Portici)
Oper Grand opéra in fünf Akten von Daniel Auber / Libretto von Eugène Scribe und Germain Delavigne / Kritische Ausgabe von Peter Kaiser / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln / Übertragung einer Produktion des Staatstheaters Kassel / ab 12 Jahren
MUSIKALISCHE LEITUNG Johannes Zahn
REGIE Paul-Georg Dittrich
BÜHNE Sebastian Hannak
KOSTÜM Anna Rudolph
LICHT Marie-Luise Fieker
VIDEO Kai Wido Meyer
DRAMATURGIE Teresa Martin
EINSTUDIERUNG CHOR Alice Meregaglia
Premiere am 26. April 2025, 19:30 Uhr | Großes Haus
Weitere Termine: 11. und 22. Mai, 9., 14. und 27. Juni
Infos und Tickets: Die Stumme von Portici (La Muette de Portici)